Wir Deutschen meckern ja gern und Toni Kroos hat davon jahrelang genug abbekommen. Weltmeister, fünfmal Champions League mit Real, zweimal Fußballer des Jahres und trotzdem hieß er für viele nur „Querpass-Toni“. Uli Hoeneß meinte im Juli 2021 im Doppelpass sogar, Kroos habe „in diesem Fußball nichts mehr verloren“. Ich wollte wissen, was dran ist und habe jeden seiner Pässe ausgewertet, also ohne emotionen, nur zahlen.
Kurzfassung: Der Spitzname stimmt nur zur Hälfte. Ja, Kroos hat mehr quer gespielt als die meisten Sechser und Achter. Nach vorn spielte er aber genauso oft wie die anderen, nur zurück deutlich seltener. Und kaum ein Spielmacher hat mit seinen Pässen mehr Gefahr erzeugt. Dazu kommt: Die Nationalmannschaft spielte auch ohne ihn viel quer. Bei der WM 2022 lag sie damit auf Platz 3 von 32.
1. Quer statt zurück. Im Mitteldrittel gingen 61,1 % seiner Pässe quer, beim durchschnittlichen zentralen Mittelfeldspieler derselben Ligasaisons waren es 56,4 %. Nach vorn spielten beide gleich oft (28,4 % und 28,7 %), zurück spielte Kroos deutlich seltener (10,5 % gegenüber 14,8 %). (Bild 1)
2. Quer heißt nicht harmlos. Selbst seine Querpässe brachten im Schnitt 3,5 Meter Raumgewinn, beim Durchschnitt waren es 1,9. Beim Expected Threat (xT), also wie sehr ein Pass die Chance auf ein Tor erhöht, kam Kroos auf 0,16 pro 90 Minuten, mehr als doppelt so viel wie der Durchschnitt (0,07). Von den 16 Spielmachern in der Grafik lagen nur Pirlo, Kimmich und Verratti vor ihm. Rodri, Busquets, Xavi, Thiago und Pedri spielten sogar noch mehr quer, aber nur Xavi war ähnlich gefährlich. (Bild 1)
3. Der Spitzname blieb, die Spielweise hat sich aber verändert. Am meisten quer spielte er 2014/15 bis 2016/17 bei Real, als tiefer Sechser unter Ancelotti und in Zidanes Doppelsechs. In seinen letzten beiden Saisons gehörte er dagegen zu den Mittelfeldspielern in La Liga, die am meisten nach vorn spielten und kaum einer spielte seltener zurück. Das war die Zeit nach Casemiros Abgang, als Ancelotti mit Raute und Bellingham an der Spitze spielte. (Bild 2)
4. Deutschland spielte quer, nicht nur Kroos. Beim Queranteil im Mitteldrittel lag Deutschland bei der EM 2016 auf Platz 3 von 24, bei der WM 2018 auf Platz 6 von 32 und bei der EM 2021 auf Platz 2 von 24. Da spielte Löw durchgehend mit Dreierkette. Bei der WM 2022, ohne Kroos, war es wieder Platz 3 von 32. Bei der WM 2014 und der EM 2024 dagegen, beide Male mit Kroos, lag Deutschland nur im Mittelfeld (jeweils Platz 11). Bei der EM 2024 ließ Nagelsmann ihn im Aufbau in die Abwehrkette zurückfallen. Von dort spielte er 42 % seiner Pässe nach vorn, der durchschnittliche zentrale Mittelfeldspieler des Turniers nur 25 %. (Bild 3)
Nach Hoeneß' Urteil hat Kroos übrigens noch zweimal die Champions League gewonnen.
Methode und Einschränkungen
Daten: Opta, Top-5-Ligen seit 2011/12 plus EM und WM. Gezählt sind alle versuchten Pässe aus dem Spiel heraus, die im Mitteldrittel beginnen, ohne Kopfbälle und Standards. Als Querpass zählt alles, was eher quer als gerade nach vorn oder zurück geht (45° bis 135°). Verglichen wird mit zentralen Mittelfeldspielern derselben Saison bzw. desselben Turniers.
Einschränkungen: Es geht um Anteile, wie viel Ballbesitz seine Mannschaft hatte, bläht die Werte also nicht auf. Ballbesitzteams spielen aber generell mehr quer. Im Vergleich zu seinen eigenen Mitspielern spielte Kroos 4,4 Prozentpunkte mehr quer, ein typischer zentraler Mittelfeldspieler 2,6 mehr als seine. Der xT-Wert pro 90 Minuten profitiert dagegen davon, dass so viel über Kroos lief. Pro einzelnem Pass liegt er nur im oberen Drittel. Und die Passrichtung allein sagt nichts darüber, wie viel er zum Erfolg seiner Mannschaft beigetragen hat.
Die Grafiken sind auf Englisch, weil ich sie vielleicht auch auf Twitter/X posten werde.