Hallo Weibsvolk,
ich frage mich momentan, ob ich zu viel emotionale Feinfühligkeit von meinem Partner erwarte, und hätte gerne ein paar andere Perspektiven. Idealerweise auch von Menschen mit eher „normaleren“ Kindheiten 😅
Zum Kontext: Ich bin mit viel verbaler und körperlicher Gewalt aufgewachsen. Die Launen und Gefühle der Menschen um mich herum zu erahnen, war quasi überlebenswichtig, um mein Verhalten entsprechend anpassen zu können und beispielsweise schlechte Launen nicht noch schlimmer zu machen. Dadurch denke ich reagiere ich oft sehr sensibel auf die Stimmungen meiner Mitmenschen.
Ich bin seit einigen Monaten in einer Beziehung. Mein Partner ist ein sehr lieber, respektvoller Mensch und persönlich auch sehr zugewandt. Wenn ich bisher Bedürfnisse angesprochen habe, hat er verständnisvoll reagiert. Allerdings fühle ich mich nach manchen Unterhaltungen emotional etwas stehengelassen. Ich bin aufgrund meiner Kindheitserfahrungen manchmal aber vielleicht einfach etwas zu sensibel. Ich möchte daher erstmal andere Meinungen hören, bevor ich mit meinem Partner darüber spreche.
Zwei Beispiele:
Wir kamen kürzlich auf meine Kindheit zu sprechen (über Textnachrichten), und er fragte mich, ob ich mehr darüber erzählen möchte. Ich fasste Mut und schrieb ihm ein wenig von meinen Erfahrungen mit verbaler und körperlicher Gewalt. Er las die Nachricht allerdings erst am nächsten Morgen, weil er offenbar eingeschlafen war. Kann passieren, es war fast Mitternacht. Allerdings hätte ich persönlich so eine Frage nicht gestellt, wenn ich bereits sehr müde bin und möglicherweise nicht mehr antworten kann. Ich hatte schon mal erwähnt, dass ich keine tolle Kindheit hatte und für mich war klar, dass es ein emotionales Thema ist. Ich dachte, für ihn wäre das auch klar.
Was mich mehr verletzte, war seine Reaktion am nächsten Morgen. Er erwähnte lediglich, dass seine eigenen Eltern auch nicht besonders einfühlsam gewesen seien. Auf das, was ich erzählt hatte, ging er emotional gar nicht ein. Fairerweise hatte ich meine Nachricht mit etwas Humor geschrieben (Humor ist halt mein Schutzmechanismus), trotzdem hätte ich mir etwas mehr Mitgefühl gewünscht. Oder signalisierte ihm der Humor, dass es alles nicht so schlimm ist? Wie gesagt, ich habe die Gewalt erwähnt.
Ein anderes Beispiel: Unsere Kommunikation über Nachrichten hat sich etwas verändert. Anfangs haben wir viel geschrieben, auch über ganz banale Alltagsdinge, die Gespräche sind meiner Auffassung nach einfach "geflutscht". Mittlerweile haben wir öfter Unterhaltungen, bei denen seine Antworten oft sehr knapp werden, Rückfragen ausbleiben und Unterhaltungen im Sande verlaufen, wenn ich sie nicht weiterführe.
Gestern hatte ich wieder das Gefühl, dass er eigentlich gar keine Lust auf unser Gespräch hatte. Also fragte ich direkt, ob er lieber nicht chatten möchte. Tatsächlich war er müde und wünschte mir daraufhin gute Nacht.
Völlig okay! Aber warum nicht einfach von sich aus sagen: „Hey, ich bin müde, lass uns morgen weiterschreiben“? Stattdessen habe ich manchmal das Gefühl, dass er durch immer einsilbigere Antworten das Gespräch beenden möchte. Das empfinde ich als ziemlich lieblos, gerade auch, weil wir uns nicht so häufig sehen. Jemanden mit immer kargeren Worten abzutun macht man doch bei nervigen Kunden oder Kollegen, aber doch nicht bei der Freundin?
Seitdem frage ich mich auch, ob er bei früheren Gesprächen ähnlich empfunden hat, ohne es zu sagen. Wissen kann ich das natürlich nicht. Aber dieses Gefühl, eher toleriert als wirklich gewollt zu werden, triggert mich sehr.
Meine Frage: Wie viel emotionale Aufmerksamkeit und Voraussicht erwartet ihr von euren Partnern? Ist es selbstverständlich, in solchen Situationen auf ein gewisses Einfühlungsvermögen zu hoffen, oder erwarte ich hier, dass mein Partner meine Gedanken liest?
Ich weiß, dass meine Kindheit meine Wahrnehmung beeinflusst. Gleichzeitig möchte ich aber auch nicht jedes verletzte Gefühl als Trauma-Reaktion abtun, wenn möglicherweise ein berechtigtes Bedürfnis dahintersteckt.
Wie seht ihr das?